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DSDS-Truck auf der Suche nach Narzissten in Bern

Kürzlich schauten zahlreiche Bernerinnen und Berner nicht schlecht, als sie einen 15 Meter langen DSDS-Truck auf dem Waisenhausplatz stehen sahen. «Deutschland sucht den Superstar» – auch in Bern.

Diverse Bernerinnen und Berner forderten ihr Glück am DSDS-Casting auf dem Waisenhausplatz heraus. (Foto: Lukas Blatter)

Nach den beiden letzten Staffeln von «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS), in denen jeweils ein Schweizer als Gewinner gekürt wurde, wird nun auch dieses Jahr in der Schweiz nach potentiellen Nachfolgern von Beatrice Egli und Luca Hänni Ausschau gehalten. Egal ob mit oder ohne Anmeldung, alle, die wollten, durften vorsingen.

Der Regen war es wohl, der viele selbstbewusste mögliche Gesangstalente der Zukunft davon abgehalten hatte, auf dem Waisenhausplatz ihre musikalischen Fähigkeiten zum Besten zu geben. Die Chance bot sich allemal, hatte doch der grosse deutsche Privatsender RTL zum Casting für «Deutschland sucht den Superstar» aufgerufen. Mit einem grossen Truck und viel Tamtam läuteten die Deutschen Besucher den Beginn für die Talentsuche in der Schweiz ein.

Erfolg oder Misserfolg?

Grundy, die Produktionsfirma, die DSDS für RTL produziert, rührt in einem Medienschreiben bereits jetzt wuchtig die Werbetrommel. So wird versprochen, dass die elfte Staffel «mit vielen Neuerungen und einigen Überraschungen» eine Wende bringen werde, wohl auch in Bezug auf die in den letzten Jahren stets gesunkenen Quoten des einstigen Erfolgformates.

Generell stellt sich dabei die Frage nach dem Sinn oder Unsinn von Castingshows im Fernsehen. Von Passanten, die dem Treiben auf dem Waisenhausplatz zusahen, habe ich wissen wollen, wie sie die Erfolgschancen von Casting-Teilnehmern sehen. «Prinzipiell kann man schon Erfolg haben, doch sind die Chancen lächerlich klein», sagte zum Beispiel Tony von Allmen. Meistens würden die Teilnehmenden vor einem Millionenpublikum dermassen durch den Dreck gezogen, dass diese Erfahrung für weitere Probleme verantwortlich sei.

«Schweizer wollen dranbleiben»

Etwas anders sieht es Aras Chalaf, der sich aus reiner Neugier auf den Platz gewagt hat. «Die Hoffnung auf den Sieg und das grosse Geld treibt viele junge Leute an, zu solchen Castings zu gehen.»

Die Frage, ob er sich heute spontan dazu überreden liesse, auch daran teilzunehmen, verneinte er rasch. Auf die Frage, weshalb zwei Schweizer das Rennen um den Sieg in den letzten Staffeln von DSDS gemacht haben, hat er eine einfache Begründung. «Schweizer wollen dranbleiben und holen alles aus sich raus – bis ins Finale.»

Absurd findet diese Schlussfolgerung von Allmen. Von einem Talent auf die gesamte Nation zu schliessen, sei eine komische Schlussfolgerung. «Würden wir dies tun, müssten wir ja auch alle Tennisprofis sein wie Roger Federer.»

Kritik am Format

Mit der finalen Entscheidungsshow der letzten Staffel wurde ein neuer Quotentiefststand in der Geschichte von DSDS erreicht. Eine, die diese Sendung nicht mitverfolgt hat, ist Dominique Mathys. Sie habe keine Zeit dafür und verfolge deswegen auch keine dieser Shows. «An den Erfolg, der den Kandidaten von DSDS versprochen wird, glaube ich nicht.» Vielmehr seien die Kandidaten daran interessiert, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu lenken.

Vor einigen Jahrzehnten prophezeite Andy Warhol, was heute der Antrieb vieler Teilnehmer von Castingshows ist: «In der Zukunft wird jeder für 15 Minuten weltberühmt sein.» Mittlerweile sind es nicht einmal mehr 15 Minuten, die einem übrig bleiben, um den Moment des ausgelebten Narzissmus geniessen zu dürfen. Nunmehr fünf Minuten bleiben, um sich im kurzzeitigen Erfolg zu sonnen und sich dann wieder im geordneten unspektakulären Leben einzufinden.

«Den Produzenten dieser Show geht es nicht darum, den Teilnehmenden nachhaltigen Erfolg zu bieten. Vielmehr bedient man sich einiger Unwissenden und missbraucht deren ulkige Eigenschaften, um den Zuschauern eine lustige Show zu liefern», so von Allmen. Dies habe auch dramatische Folgen für viele Teilnehmer.

«The Voice» – die Alternative?

Wie im Supermarkt das «Fair Trade» hat man auch im TV-Geschäft eine Alternative entwickelt, die sich menschenfreundlicher vermarktet. Bei «The Voice» kommt nur vor die Jury, wer auch wirklich Talent hat. Und stets liegt es an dieser Jury, sich für oder gegen einen Kandidaten zu entscheiden. Weder das Aussehen noch die physikalische Performance sondern bloss die Stimme (eben «the voice») wird dabei bewertet.

Das Konzept erfuhr in Deutschland grosse Beliebtheit. Das Format war so erfolgreich, dass sich das Schweizer Radio und Fernsehen dazu entschlossen hat, ihre Suche nach den grössten Schweizer Talenten einzustellen und sich, wie einst mit MusicStar, wieder der Musik zu widmen.

Im Endeffekt gehe es doch bei allen Castingshows – so fair die Kandidaten auch behandelt würden – nur um eines, meint von Allmen: «Die Sender interessiert bloss, was am Ende an Werbeeinnahmen und Zuschauerquoten zusammen kommt. Die einzelnen Teilnehmenden sind denen egal.»

Gute Unterhaltung oder leidige Vorführung der selbstverliebten Gesellschaft? Es ist ein viel diskutiertes Thema, welches auch heute die Gemüter bewegt. Dabei gehen die Meinungen weit auseinander. Und doch sollte man die Frage nicht ausser Acht lassen, was die Unterhaltung der Massen kosten darf.