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Reitschule und «Tanz dich frei» bringen Quote

Der kleinste Teil von «Tanz dich frei» – die Chaoten – beschert diversen Medien hohe Quoten. Jüngstes Beispiel: Die (geschaffene) Kontroverse um die Zahlung der Reitschule an den Anlass.

«Ja, die Reitschule hat dieses Projekt mit einem (bescheidenen) Betrag finanziell unterstützt», schreibt die Mediengruppe der Reitschule Bern. Sie nimmt damit Bezug auf zwei Artikel, die im «Bund» erschienen sind. Der erste Artikel berief sich auf anonyme Quellen, welche den Vorwurf stützten, dass die Reitschule über die städtischen Subventionen die Chaoten indirekt finanziell unterstützt.

Dass die Ziele von «Tanz dich frei» nicht so weit von denjenigen des autonomen Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule entfernt sind, ist naheliegend, die Unterstützung deshalb auch. «Wenn diese Erkenntnis einen Boulevard-würdigen Artikel in der ehemals intellektuellen Zeitung der Stadt Bern auslösen kann – so finden wir –sagt dies mehr über die Zeitung als über die Reitschule aus», schreibt die Mediengruppe.

Seit über 25 Jahren unterstütze die Reitschule Bern andere Gruppen und Projekte mit finanziellen Beiträgen. Dies weil deren Budgets oft nur beschränkt und sie deshalb auf solidarische Unterstützung angewiesen seien. «Über die Identität von anfragenden Gruppen, jeweilige Zu- oder Absagen oder die Höhe von Geldbeträgen gibt die Reitschule grundsätzlich keine Auskunft», heisst es in der Medienmitteilung.

Der SVP-Politiker Erich Hess nutzt die Gunst der Stunde und fordert im «Bund», dass die Stadt wegen der Zahlung die Subventionen an die Reitschule streicht. Dies nachdem erst im vergangenen November der neue Leistungsvertrag deutlich gutgeheissen wurde. Dass die Subventionen gar nicht mittels direkter Zahlungen erfolgen, bleibt unerwähnt. Die Stadt erlässt der Reitschule Miete und Nebenkosten in der Höhe von 380'000 Franken pro Jahr.

Veröffentlichung = Vorverurteilung? Die Gefahren des Internetprangers

Die Medien nutzen «Tanz dich frei» nicht nur im Bezug auf die Reitschule, um Quote zu machen, sondern auch im Bezug auf den sogenannten Internet-Pranger. Seit Montag sind auf der Webseite der Kantonspolizei Bern Personen abgebildet, die als «dringend verdächtigt» bezeichnet werden, sich bei «Tanz dich frei» strafbar gemacht zu haben.

Alle paar Stunden meldet die Berner Polizei den Medien, welche mutmasslichen Chaoten der Tanz-Dich-Frei-Demonstration identifiziert wurden. Diese Fotos verschwinden dann – allerdings nur von der Polizei-Webseite. Diejenigen, welche die Bilder herunter geladen haben, werden zwar gebeten, aber nicht dazu gezwungen, die Bilder zu löschen.

Unter anderem an diesem Punkt setzt die Kritik, unter anderem von der Menschenrechtsorganisationen Anti-Rep Bern, an. Denn auch wenn die Polizei die Bilder entfernt, werden sie von den Medien durchaus noch weiter verwendet. Dies zeige das Beispiel vom «Blick am Abend», welcher die ersten identifizierten Personen noch einmal abgedruckt habe, wie Lukas Gsteiger, Anti-Rep Bern, im Interview mit Radio Rabe erklärt. Durch die Veröffentlichung auf der Webseite der Polizei werden «aus den Verdächtigen ziemlich schnell 'die Chaoten'», so Gsteiger. Dadurch kann eine soziale Ächtung erfolgen, auch wenn danach keine rechtliche Verurteilung erfolgt. Eine weitere Gefahr sieht Anti-Rep Bern darin, dass solche Pranger das Denunziantentum fördern.

Im von der Quote getriebenen medialen Tagesgeschäft ist es offensichtlich nicht leicht zu widerstehen, wenn mit den mutmasslichen Chaoten ein grosses Publikum erreicht werden kann. Ein kleines Indiz dafür ist auch, dass die Veranstaltung Tanz-Dich-Frei in verschiedenen Medien wegen der ständigen Wiederholungen der Einfachheit halber mit dem Kürzel TDF – eigentlich durch die Tour de France besetzt – umschrieben wird. Die reine Ausrichtung auf die Quote gilt längst nicht mehr nur für den «Blick» oder «20 Minuten».