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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Das Örgeli boomt

Tönstör: Die Suche nach der «anderen Musik» geht weiter. Wir machen Halt in Frutigen, wo wir auf junge Volksmusikanten und eine heimelige Form der Musikvermittlung stossen.

  • Die Schülerinnen und Schüler der 5./6. Klasse entwickeln ihre eigene Punktmusik.
  • Das Örgeli boomt: Die Nachfrage nach Musikunterricht auf dem Schwyzerörgeli ist gross.

Das Schwyzerörgeli feiert ein Comeback und ist besonders bei den jungen Volksmusikantinnen und -musikanten ein beliebtes Instrument. «Im Moment ist es im Kanton Bern schwierig, bei einem Lehrer unterzukommen, weil alle ausgebucht sind», erzählt Barbara Heimberg-Schranz vom Bernischen Kantonalverband Schweizer Volksmusik VSV. Das Örgeli boomt. Grund dafür sei vor allem die familiäre Tradition. «Viele Kinder greifen nach dem Instrument, weil schon der Vater und der Grossvater darauf gespielt hat.» Bei der Tradition setzt der Verband Schweizerischer Volksmusik seine Nachwuchsförderung an: An Jungmusikanten-Stubeten können Kinder und Jugendliche mit bekannten Berner Ländlermusikern musizieren. «Für die Jungen ist das ein grosser Anreiz mitzumachen und dabei zu bleiben», sagt Barbara Heimberg-Schranz. Die Kinder sind aber alles andere als Neulinge, sondern oft schon mit der Volksmusik in der Familie aufgewachsen.

Lücke in Ausbildungsmöglichkeiten festgestellt

Die Familie ist denn auch der Ort, in dem die Musik weitergegeben wurde. Denn Musikschulen haben seit jeher kaum Volksmusik unterrichtet.

«Momentan ist eine Generation von Musiklehrern tätig, die einen schwachen Bezug zur Volksmusik haben.»

Markus Brüelisauer, Historiker, Musikwissenschafter und Volksmusikvermittler

Ein Bericht des Bundesrates konstatierte 2004 Lücken in der Ausbildung, Weiterbildung und Förderungsprojekten von Volksmusikerinnen und Volksmusikern, bei der Aufnahme von Volksmusik in den Konservatorien und Musikhochschulen sowie in dafür geschaffenen Schulen oder Zentren. Das hat sich seither geändert. Seit vier Jahren bietet die Hochschule Luzern als erste und einzige schweizerische Hochschule den Studienschwerpunkt Volksmusik an. Heute studieren zwölf der rund 500 Musikstudierenden der Hochschule Luzern Musik mit Schwerpunkt Volksmusik.

Jeder hat ein Basisvertrauen zur Volksmusik

Die Volksmusik findet allmählich Eingang in den Musikunterricht, weiss Markus Brüelisauer. Der Historiker und Musikwissenschafter ist auch ausgebildeter Musikvermittler und Konzertpädagoge mit Schwerpunkt Volksmusik und zuständig für Nachwuchsprojekte des Hauses der Volksmusik in Altdorf. Er ist schweizweit der erste Volksmusikvermittler und hat als solcher auch mal einen schweren Stand, wenn er – Workshops, Vorträge und Schulhauskonzerte im Angebot – bei den Schulhäusern anklopft: «Momentan ist eine Generation von Musiklehrern tätig, die einen schwachen Bezug zur Volksmusik haben.» Es gäbe aber vermehrt auch klassisch ausgebildete Lehrpersonen, die sich wieder für Volksmusik interessieren und diese im Unterricht thematisieren. Brüelisauer freuts: «Volksmusik bietet den Kindern und Jugendlichen einen Bezug zur eigenen Herkunft. Bei jedem, der in unserer Kultur aufgewachsen ist, ist ein Basisvertrauen vorhanden, deshalb ist der Einstieg in die Volksmusik auch nicht schwierig.»

Volksmusik ist in Noten konserviert

Wer sich für das Erlernen eines Instruments entscheidet, der tut dies heute in der Musikschule. Professionelle Musiklehrerinnen und Musiklehrer vermitteln Fertigkeiten, welche innerhalb der Familie nicht erreicht werden.

«Auf YouTube und auf Facebook findet man sehr viel Volksmusik.»

Markus Brüelisauer, Historiker, Musikwissenschafter und Volksmusikvermittler

Das Problem dabei: «Volksmusik wird nur auf typischen Instrumenten gelehrt». Das heisst, Geige und Klarinette werden nur in klassischer Musik unterrichtet und «die Blechblasinstrumente sind komplett aus der Volksmusik verdrängt worden», erklärt Brüelisauer. Der Musikschulunterricht birgt weitere Risiken. Durch das Spiel nach Noten geht die Tradition des freien Nachspielens von gehörten Melodien und damit ein Stück Tradition verloren. «Die Vielfalt an unbewussten Variationen sind nicht mehr da, die Volksmusik ist in Noten und auf Tonträger konserviert», sagt Brüelisauer.

Das sei früher anders gewesen. Als es noch keine Tonträger gab und nur selbstgebaute Musikinstrumente wie Hackbretter oder Zittern erschwinglich waren, war Musik ein Luxusgut. «Es war nicht einfach, an Musik heranzukommen», weiss Brüelisauer. «Damals hörte man an Anlässen der Tanzsmusik oder an der Fasnacht eine Melodie, merkte sie sich so gut wie möglich, ging schnell nach Hause und spielte sie aus dem Gedächtnis nach.» Das Nachspielen könnte denn aber auch wieder vermehrt aufkommen. Denn der Erstkontakt von Kindern und Jugendlichen mit der Volksmusik laufe nicht selten über die Medien. «Fernsehen und Internet ist ganz wichtig», sagt Brüelisauer, «und gerade auf YouTube und auf Facebook findet man sehr viel Volksmusik.»

«Totally Flipside» – 8 Projekte auf 1 Haufen

Tönstör hat sich zum Ziel gesetzt, Berner Kindern und Jugendlichen zeitgenössische klassische Musik auf eine lustvolle Art zu vermitteln (siehe auch «So schön scheppert Schrott»). Unter dem Titel «Totally Flipside» entsteht im 2013 ein Gesamtwerk an neuer Musik, an dem sieben Berner Schulklassen beteiligt sind. Von Januar bis Juni 2013 gehen jeden Monat Musikvermittler und Komponistinnen, Musikvermittlerinnen und Komponisten in eine Klasse und erarbeiten improvisatorisch eine eigene Musik. Die vertrauten Klangwelten hinterfragend und untergrabend, begeben sie sich so auf die Suche nach dem musikalisch «anderen», eben der «B-Seite» der Schallplatte, der «Flipside». Journal B begleitet die Suche und beleuchtet monatlich einen anderen Aspekt von Musikvermittlung.

Das Gesamtwerk, eine Mischung aus Konzept, Komposition und Improvisation, kommt im Rahmen des Musikfestivals Bern, das dem Thema «Wahnwitz» gewidmet ist, zur Aufführung.


Weiterführende Materialien

Bundesamt für Kultur (2004): Musikalische Bildung in der Schweiz. Bestandesaufnahme der aktuellen Situation und Massnahmenkatalog des Bundes für die musikalische Aus- und Weiterbildung. September 2004.