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Journal B

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Nause sieht bei sich «keine Fehler»

Zwischen den Sätzen «Fanmärsche am Cupfinal gehen in Ordnung» und «Das war der letzte Fanmarsch in Bern» liegen nur wenige Tage. Gesagt hat sie Sicherheitsdirektor Reto Nause (CVP), der in den Ausschreitungen einen Grund mehr sieht für die Verschärfung des Hooligan-Konkordats.

Aussteigen am Bahnhof Wankdorf? Die Stadt konnte sich nicht gegen die Fanvertreter durchsetzen. (Foto: Beat Kohler)

Zehn Verletzte, vier Festnahmen, Sachschäden in der Altstadt und der Eindruck, die Berner Sicherheitsbehörde habe das Risiko unterschätzt – das ist die Bilanz der Krawalle am Cupfinalspiel zwischen dem FC Basel und den Grasshoppers Zürich. Kritik wird nun an den Behörden, vorneweg am Sicherheitsdirektor selbst, geübt. Der hatte noch in der vergangenen Woche den Fanmarsch gutgeheissen, weil er bei einem Cupfinal dazugehöre. Einen Tag nach den Ausschreitungen jedoch kündigt er in der «Berner Zeitung» an: «Das war der letzte Fanmarsch in Bern.» Verhindern kann das aber erst das verschärfte Hooligankonkordat. Das Parlament hat es zwar schon verabschiedet, doch eine Lobby von Fussballfans hat das Referendum ergriffen – die Vorlage könnte im kommenden Jahr vors Volk kommen.

Gegenüber Journal B gibt sich Reto Nause (CVP) selbstbewusst und unkritisch: «Die Behörden haben keinen Fehler gemacht», sagt er. Schuld haben seiner Ansicht nach «gewaltbereite Gruppen unter den Fans, die die Konfrontation mit den gegnerischen Fans gesucht haben».

Routen nah nebeneinander

Beim Laien bleiben indes nach diesem Pfingstmontag doch einige offene Fragen. So zum Beispiel: Warum wurden die beiden Fangruppen räumlich so nah beieinander gelassen, nur getrennt durch die Baustelle in der Marktgasse? Dass es bei so einer kurzen Distanz zum Aufeinandertreffen von FCB- und GCZ-Fans kommen könnte, war abzusehen. Dem widerspricht Nause: «Die Fangruppen hatten gesonderte Besammlungsorte, die weit genug voneinander entfernt waren. Das einzige Nadelöhr war der Bahnhof.» Die Fans hätten sich allerdings zum Teil nicht an ihre Treffpunkte gehalten und seien gezielt aufeinander losgegangen.

Anders klingt es beim GCZ: «Der Zusammenprall der beiden Fanlager war nur möglich, weil aus uns unbekannten Gründen der Basler Anhang auf den Waisenhausplatz statt auf den vereinbarten Kornhausplatz gelotst wurde», teilt Mediensprecher Adrian Fetscherin mit.

Wankdorf als Endstation

Eine weitere Frage, die sich nach gestern aufdrängt: Warum endeten die Extrazüge nicht gleich am Bahnhof Wankdorf bzw. in Ostermundigen statt im Berner Bahnhof, der wegen der Fans stundenlang teilgesperrt wurde? «Das hätten wir gerne gewollt, aber das haben die Fanvertreter der Clubs abgelehnt», verteidigt sich Nause. Deshalb sei man «zähneknirschend» auf den Wunsch der Fanvertreter nach einem Marsch durch die Innenstadt eingestiegen. Derzeit fehle zudem eine rechtliche Grundlage dafür, dass die Extrazüge zwingend im Wankdorf halten müssten. Mit dem verschärften Konkordat sei dies möglich, so Nause.

«Die Behörden haben keinen Fehler gemacht.»

Reto Nause, Sicherheitsdirektor (CVP)

Bei den Gesprächen im Vorfeld des Finalspiels sass die Kantonspolizei unter anderem mit Fanvertretern der beiden Clubs und den SBB zusammen. Warum konnte sich hierbei die Polizei nicht gegen die Fanvertreter durchsetzen zugunsten eines sichereren Finals? «Man sucht gemeinsam nach einer Lösung, die für alle gangbar ist, und trifft entsprechende Absprachen», sagt Michael Fichter, Mediensprecher der Berner Kantonspolizei. Und man sei davon ausgegangen, dass dieser Entscheid dem überwiegenden, friedlichen Teil der Fans gerecht werde.

«Der FC Basel ist nicht Veranstalter des Cupfinals», erwidert FCB-Mediensprecher Josef Zindel auf Nauses Vorwurf. Aufgabe der Fanvertreter sei es unter anderem, zwischen Behörden und Fans zu vermitteln. «Die Fanmärsche haben stattgefunden, weil sie von den Berner Behörden bewilligt worden sind.»

Nicht zu dem runden Tisch eingeladen waren Fanarbeiter des FCB und des GCZ. «Es wäre schon besser gewesen, alle Leute an den Tisch zu setzen», sagt Adrian Werren, Co-Präsident der Berner Fanarbeit und Vorstandsmitglied von «gäubschwarzsüchtig». Sicherlich gebe es Grenzen der Fanarbeit, gewaltbereite Fans erreiche man damit kaum. «Aber es kommt besser an, wenn die Fanarbeiter bei Entscheiden über Fanmärsche oder Extrazüge dabei sind, als wenn nur von oben angewiesen wird», glaubt Werren. Er bedauere, dass es zu den Ausschreitungen gekommen sei. Die Fanarbeiter von FCB und GCZ waren gestern für eine Auskunft nicht zu erreichen.

Viele Krawallmacher, wenige Festnahmen

Unbefriedigend beantwortet wird von den Behörden auch die Frage danach, warum so wenige – nur vier – Krawallmacher festgenommen wurden. «Es ist schwierig für die Polizei, in so einer Masse zum Teil vermummte Personen festzuhalten», erläutert Nause. Die Polizei versuche weitestgehend deeskalierend zu wirken, wenn es jedoch zu Festnahmen komme, werde im Gegenzug die Polizei angegriffen und die Situation könne leicht eskalieren.

«Aus dem gestrigen Ereignissen können wir keine positive Bilanz ziehen.»

Michael Fichter, Mediensprecher Kapo Bern

«In erster Linie ging es den Polizistinnen und Polizisten vor Ort darum, die Fangruppen zu trennen, und dieses primäre Ziel ist gelungen», betont Polizeisprecher Fichter. Um die GC- von den FCB-Fans zu trennen, setzte die Kapo Gummischrot und Tränengas ein. Einige kleinere Fangruppierungen seien offensichtlich von Beginn weg auf Krawall aus gewesen und hätten an verschiedenen Stellen in der Stadt und am Stadion die Konfrontation mit der Gegenseite gesucht. «Das lässt sich bei noch so guter Vorbereitung nicht zu hundert Prozent vermeiden, wenn beide Fanlager in der Stadt sind», sagt Fichter, und: «Auf Verdacht können wir niemanden festhalten, wir brauchen einen Tatbeweis, sonst haben wir keine rechtliche Grundlage.» Unbeantwortet bleibt allerdings die Frage, warum im Falle eines offensichtlichen Scharmützels nicht einfach alle Beteiligten festgehalten werden.

«Aus den gestrigen Ereignissen können wir keine positive Bilanz ziehen. Der überwiegende Teil der Fans war friedlich, aber gewisse Gruppierungen haben offensichtlich ein massives Gewaltproblem», sagt Polizeisprecher Fichter. Die Vorfälle würden sicherlich intern weiter Anlass zu Diskussionen geben.

Rechtliche Grundlage

Um gewalttätigen Auseinandersetzungen entgegenzutreten, kommt die Polizei manchmal nicht darum herum, Grundrechte einzuschränken. Um das zu tun, braucht es eine gesetzliche Grundlage. Das sagt Artikel 36 der Bundesverfassung. Ausnahmen gibt es in Fällen von «ernster, unmittelbarer und nicht anders abwendbarer Gefahr». Diese Ausnahmen werden unter dem Begriff der polizeilichen Generalklausel zusammengefasst (Die polizeiliche Generalklausel, Mathias Kaufmann / Stephanie Walti). Verschiedene Bundesgerichtsurteile machen deutlich, dass die Klausel nur auf «echte und unvorhersehbare Notfälle» angewandt werden darf. Und auch nur dann, wenn keine anderen gesetzlich vorgesehenen Mittel die Gefahr eindämmen können und wenn grössere Schäden zu erwarten sind. Letzteres wäre bei den Fanmärschen wohl der Fall gewesen. Wie stark es sich dabei allerdings um einen «unvorhersehbaren Notfall» handelt, darüber müssten Juristen streiten. Für die Befürworter der Verschärfung des Hooligan-Konkordats ist nach dem Cupfinal klar, dass diese vorgesehene Verschärfung die Zwischenfälle verhindert hätte. Dies mit der Begründung, dass Fans mit einem kombinierten Ticket für Anreise und Eintritt besser geführt und beispielsweise dazu gezwungen werden könnten, bei der Station Wankdorf auszusteigen. Zudem könnten auch ohne konkreten Verdacht Personen durchsucht werden. Was dies allerdings verändern würde, wenn die gewaltbereiten Fans bereits daran sind, Scheiben einzuschlagen, ist nicht schlüssig. Denn offensichtlich kann die Polizei trotz vorliegender Straftaten wie Sachbeschädigungen und Körperverletzung kaum jemanden verhaften. Dies mit der Begründung, dass die Täter sofort in der Masse untertauchten. Dass sich gewaltbereite Fans nach den Verschärfungen des Hooligan-Konkordats nicht mehr in der Masse friedlicher Fans verstecken würden, ist jedoch kaum anzunehmen.