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20-Stunden-Tage für die grosse Liebe

Letztes Jahr titelte ihn die Presse zum Glanzlicht des Gurtenfestivals, aktuell ist er als einziger Berner einer von fünf Anwärtern auf den erstmalig zu vergebenden Swiss Live Talents Award in der Kategorie Pop/Rock/Indie/Folk. Wer an dem intimen Konzert am vergangenen Dienstag in der Burgunder Bar anwesend war, weiss: Abu ist durch und durch der Musik versprochen. Das wäre dann wohl auch die Erklärung, warum er einfach nicht aufhören kann, über seine Liebe zu ihr zu sprechen.

  • «Es interessiert mich nicht, radiotaugliche Songs zu schreiben», Abu, Musiker (Foto: Nadine Strub)

Du hast den Ruf eines Vollblutmusikers und wurdest als Glanzlicht des Gurtenfestivals 2012 gehandelt. Deine Medienpräsenz steht dazu aber in einem eher schwachen Verhältnis.

Abu:

Ich hatte nach meinem Gurten-Gig einige Pressestimmen. Der Grund, warum ich aber nicht durch die Medien geschleift werde, ist vielmehr wohl der, dass meine Geschichte nicht ganz einfach greifbar ist. Der Inhalt ist sehr seriös, es geht halt nicht um ein fröhliches Party-Machen. Es geht um mein Leben. Das ist kommerziell nicht so einfach zu verwerten. Hinzu kommt, dass ich halt auch nicht alles mitmache, ich lehne gewisse Presseanfragen ab.

Spielt denn Erfolg eine Rolle für dich?

Wenn ich Musik machen darf, dann fühle ich mich vollständig, das ist kein Erfolg. Noch besser ist es, wenn ich sie dann auch mit anderen teilen kann. Mein Ziel ist es, Musik zu spielen. Ich habe zwei Jahre an meinem Debütalbum «Earn and Seed» gearbeitet und dann war ich an dem Punkt, an dem es einfach endlich auf den Markt geworfen werden musste, koste es, was es wolle. Ich hatte damals noch nicht einmal ein Management.

«Einige sagten mir, dass sie die Schwere des Albums erst im Live-Kontext relativieren konnten.»

Abu, Musiker

Du hast alles in Eigenregie ins Laufen gebracht.

Ja. Dank Universal Music hatte ich zwar Unterstützung beim Vertrieb und in Sachen Promo, aber mir fehlten die Leute, die sich um Management und Booking kümmern, die bereit sind, alles für diese Geschichte zu geben. Die Zusammenarbeit mit meinem jetzigen Management kam erst nach dem letztjährigen Gurtenfestival zustande. Die geben natürlich jetzt Vollgas. Hinzu kam, dass die Medien etwas skeptisch meiner Geschichte gegenüber waren, viele haben erst im Live-Erlebnis den Bezug zu mir und meiner Musik wirklich finden können. Das ist mir übrigens auch mit anderen Leuten so gegangen. Einige sagten mir, dass sie die Schwere des Albums erst im Live-Kontext relativieren konnten.

Hast du das Gefühl, dass es besonders deine Live-Gigs sind, die deinen Erfolg definieren?

Es ist einfach ein anderes Bild, welches man live zeichnen kann. Diese Kehrtwende der Wahrnehmung passiert eben meistens genau im Live-Modus. Die Geschichten wirken mehr. Und viele merken dann auch, dass meine Geschichten nicht nur schwer im Magen liegen, sondern immer auch einen positiven Aspekt haben, den man aber nicht unbedingt beim flüchtigen Hineinhören serviert bekommt.

So ist es wohl den meisten Kritikern aus der Presse ergangen: Die meisten umschreiben deine Musik als rabenschwarz, melancholisch, schmerzhaft. Die Frage liegt nahe – und da kommen wir dann zum Punkt «Abu, der Musiker» – durchlebt Abu die Musik nur im Schmerz?

Nein, aber das Leben hat seine Höhen und Tiefen. Und ich bin ein sehr lebenshungriger Mensch und lebe das Leben deswegen mit allen seinen Facetten. Handkehrum skizziert das Leben meine Musik. Zudem muss man ja auch sehen, dass ich aus dem Punk komme. Ich gehe also mit einer gewissen Haltung in das Schreiben meiner Songs hinein. Und das merkt man meiner Musik an.

Fröhliche Songs gibt es aber keine in Abus Schaffen?

Natürlich gibt es die.

Tatsächlich?

Naja.

Kommt darauf an, was die Definition von «fröhlich» ist ...

Genau. Auf dem ersten Album sind vielmehr ironische Songs vertreten, das ist meine Art des Spielerischen. Das Komische ist ja, dass ich, wenn ich fröhlich bin, traurige Songs schreibe, und wenn es mir schlecht geht, ich glückliche Musik mache.

Die meisten würden dem Schlechten aus dem Weg gehen, wenn es ihnen besonders gut geht.

Das stimmt. Aber wann will man sich denn mit dem Negativen beschäftigen, wenn nicht in Zeiten, in denen es einem gut geht und man die nötigen Kraftreserven hat? Ich kann das sowieso nicht steuern. Mein Schreiben ist immer intensiv und emotionsgeladen.

Du hast mir erzählt, wenn du physisch krank wirst, wenn du nicht schreiben und spielen kannst. Musik ist dein Leben, richtig?

Es ist ja so: Ich habe mich einfach schon immer als Gast gefühlt, selbst in meinem Elternhaus. Der einzige Moment, in dem ich mich Zuhause fühle, ist der, in dem ich Musik machen darf. Das sind die Situationen, in denen ich das Gefühl habe, etwas halbwegs richtig zu machen. Mein Leben ist von dem Streben bestimmt, etwas Schönes und Gutes zu kreieren. Das ist mein grösstes Ziel: Irgendwann einen guten Song zu machen.

«Mein grösstes Ziel ist es, irgendwann einen guten Song zu machen.»

Abu, Musiker

Die aktuellen sind nicht genug gut?

Es ist einfach noch lang nicht alles erzählt. Zudem ist die Musik auch meine grösste Liebe – neben der Familie und den Freunden. Die Musik und ich, wir lernen uns ja auch immer wieder neu kennen. Und manchmal macht sie mich auch fertig, manchmal aber ich sie wahrscheinlich auch.

Von ihr leben aber kannst du noch nicht.

Nein. Vielmehr ist es so, dass mir temporäre Jobs überhaupt erst erlauben, Musik zu machen.

Was ist also wichtiger: das sichere Leben oder die Musik?

Im Studio ist tatsächlich mal die Situation aufgekommen, dass wir uns während einer Woche von einem grossen Topf Reis ernährt haben, weil wir uns nichts anderes leisten konnten. Es ist meiner Meinung nach auch kein unwichtiger Prozess, dass man bereit ist für seine Passion zu hungern. Bei mir geht es sogar so weit, dass ich meinen Lebensstandard auf ein Minimum zurückgeschraubt habe, damit ich das machen kann, was mich erfüllt. Das ist eine Entscheidung, die ich vor ein paar Jahren fällen musste.

Die Hoffnung, die Kunst zu Geld zu machen, ist aber schon vorhanden?

Ich bin nicht kommerziell gesteuert. Es interessiert mich nicht, radiotaugliche Songs zu schreiben. Vielmehr möchte ich gute und beseelte Songs schreiben, in der Hoffnung, dass die Menschen da draussen es als solche wahrnehmen und schätzen. Ich bin nur bis zu einem gewissen Grad kompromissbereit. Was ich aber auf jeden Fall will, ist auf der Bühne stehen und spielen, meine Musik teilen. Ich habe die Hoffnung, mir mit Live-Gigs ein gewisses Minimum an gutem Lebensstandard zu ermöglichen.

Du wurdest von 800 Bands als einziger Berner für das Voting zum ersten Swiss Live Talent Award nominiert. Das ersehnte Sprungbrett für das Minimum an gutem Lebensstandard?

An mir gehen solche Dinge meist völlig vorbei. Ich hab das zunächst gar nicht mitbekommen, weil nicht einmal die Anmeldung durch mich geschah. Nachdem ich es erfahren habe, habe ich es pflichtbewusst versucht zu kommunizieren. Ich muss es den Leuten ja erst mitteilen, bevor sie für mich voten können.

Hast du die Hoffnung zu gewinnen?

Ganz ehrlich: Wenn ich dort gewinne, dann steht meine Welt Kopf. Worauf ich mich aber am meisten freuen würde, falls ich gewinne, ist, dass ich dann, als Merci für alle Voter, ein Guerilla-Konzert unter einer Autobahnbrücke spielen werde, mitten im Winter und mit einem grossen Topf Suppe und Glühwein. Vielleicht mache ich das auch unabhängig vom Voting-Ergebnis.

Es gibt ja auch ein Preisgeld von 5000 Franken. Wie würde das dann investiert werden?

In Alkohol und Fremdsubstanzen, natürlich. Ne, das wird definitiv in das nächste Album fliessen, welches bereits schon in Arbeit ist. «Earn and Seed» war ja bereits eigenfinanziert, das nächste soll das – wenn es geht – nur zu einem Teil sein. Ich bin bereits daran, Fördergesuche bei diversen Stiftungen einzureichen.

Stichwort «Fördergelder»: Wie nimmst du die Situation hier in Bern wahr, wenn es darum geht, Künstler in ihrem Schaffen zu unterstützen?

Ich finde, es geht nicht auf. Die Fördergelder werden zum Teil in Projekte investiert, die mir selbst sehr sinnlos erscheinen. Ein Gesuch von mir wurde, trotz sehr langer Referenzliste mit grossen Namen aus der Schweizer Musikbranche, abgelehnt mit der Begründung, sie unterstützten keine Amateure, nur Kulturschaffende mit bereits ersten Erfolgsaussichten.

«In Bern fliessen Fördergelder zum Teil in Projekte, die mir selbst sehr sinnlos erscheinen.»

Abu, Musiker

Für mich stellt sich dann die Frage, wer denn sonst zu subventionieren sei, wenn nicht passionierte Kunstschaffende, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen und Starthilfe benötigen. Genauso wenig möchte ich Geld von Stiftungen oder Sponsoren annehmen, deren Logo ich dann überall platzieren muss.

Wie gehst du mit dieser Situation als Musiker um?

Der einzige gesunde Umgang damit ist, bei verschiedenen Geldgebern anzuklopfen, es zu versuchen und ihnen die Möglichkeit zu geben, etwas zu unterstützen, in dem Herzblut drinsteckt. Aber ich bin auch bereit, mein Projekt allein auf die Beine zu stellen, dafür habe ich zum Teil 20-Stunden-Tage, und von denen sogar mehrere hintereinander. Und sonst gibt es ja noch die Option des Crowd-Funding.

Letzte Frage: Was wäre der Mensch Abu ohne die Musik?

Uff, das ist schwierig. Ich habe lang das Gefühl gehabt, dass, wenn es die Musik nicht mehr gäbe, auch ich nicht mehr da wäre. Andererseits ist das eine Abhängigkeit, die ich eigentlich nicht will. Die Musik ist mein Ventil und vielleicht hätte ich ein anderes an ihrer Stelle, wenn das sein müsste. Aus dem Moment heraus kann ich nur so antworten: Wenn mir die Musik jetzt genommen würde, dann wäre das, als ob mir jemand beide Arme amputierte und mir dann eine Tasse Tee hinstellte und sagte: «Hier ist dein Tee, nimm ihn und trink ihn.»