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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Der Verlust des Niemandslandes

Gedanken zum freien Raum.

  • Der Versuch, einen Raum frei zu nutzen: Das «Winterwunderland» des Kollektivs Frei Raum im vergangenen Dezember. (Foto: Jessica Allemann)
  • Wo hört die eigene Freiheit auf und wo beginnt die Freiheit der Anderen. (Foto: Beat Kohler)

Mir fehlt etwas: Raum zum Durchatmen. Einen Ort, der den Blick auf den Himmel frei lässt und nicht von Häuserschluchten begrenzt ist. Eine Brache, ein verlassenes Stück Land, das sich die Pflanzen zurück erobern. Ein Ort, an dem am Besten nichts ist. Schon gar keine Überwachungskamera oder Securitas-Patrouille. Ein einsamer Ort am Rande der Bahngleise, neben einer Industrieruine oder am Ende der Stadt. Ein Niemandsland, in dem ich sein kann – allein und ganz still oder mit Freunden, Wein und Musik.

Der Fluch des Robidog

Ich habe so einen Ort in Bern nicht gefunden. Und damit ist nicht nur ein Platz in der Natur gemeint, sondern allgemein ein Ort, an dem mir nicht bereits auf Schildern oder Zetteln erklärt wird, was ich darf und was nicht. So praktisch wie es auch sein mag, aber auch auf dem abgeschiedensten Weg steht ein Robidog, auf dem jedem Hundebesitzer gesagt wird, wie er vorzugehen hat. Diese Schweizer Erfindung ist sicherlich für viele ein Segen, doch sie steht auch stellvertretend für einen durchorganisierten, durch und durch geregelten Alltag. Für jedes Bestreben im öffentlichen Raum gibt es ein Gesetz und eine Bewilligung ist nötig. Egal ob man ein Fest im Park feiern will oder im Sommer die ganze Nacht durch auf der Terrasse der Lieblingsbar sitzen will. Vieles erscheint auf den ersten Blick praktisch und irgendwie auch fürsorglich: da wird an den Schlaf des Nachbarn gedacht und an die Ordnung auf den Grünflächen.

Ein Grundmisstrauen gegenüber allen

Aber die Überregulierung nimmt einem die Selbstbestimmung, die Selbstverantwortung und nimmt auch die Möglichkeit weg, Konflikte auszutragen. Was wäre denn so schlimm, wenn der Nachbar nicht schlafen kann, weil im Café nebenan noch gefeiert wird? – Dann diskutiert man eben oder streitet sich und einigt sich im besten Fall.

«Es lohnt sich immer Regeln zu hinterfragen und manchmal zu brechen, um sich Freiräume zu erkämpfen.»

Anne-Careen Stoltze

In der Überregulierung steckt eine Bevormundung und ein Grundmisstrauen gegenüber allen Menschen, die den öffentlichen Raum nutzen. Das macht wütend. Auch wenn es den meisten nicht mehr bewusst ist, weil sie sich dran gewöhnt haben. Gerade die dicht besiedelte und eng bebaute Schweiz braucht offenbar besonders viele Regeln, um das Zusammenleben zu organisieren und vermeintlich kontrollieren zu können. In weniger dicht besiedelten Landstrichen fühlt man sich freier, auch weil weniger verschiedene Interessen an einem Ort aufeinander treffen.es lohnt sich immer Regeln zu hinterfragen und manchmal zu brechen, um sich Freiräume zu erkämpfen.

Ich glaube, das Bedürfnis nach Freiräumen ist dort am grössten, wo es viele rechtliche Einschränkungen gibt. Für Bern zeigen das verschiedene Initiativen wie Rast oder das Freiraum Kollektiv, aber auch die lebhaft genutzte und bald überbaute Brache am Zentralweg. Das Besetzen von leerstehenden Häusern oder Fabriken wie auf dem Wifag-Areal sprechen von dem Wunsch nach einem Raum zum Selbstgestalten. In einer Stadt, in der es praktisch keine Lücken zwischen den Häusern gibt, nichts, was nicht schon kommerziell genutzt wird, teuer zu mieten wäre oder jemandem gehört, der nur schon das Betreten verbietet.

Wo nicht der Staat herrscht

Für alternatives Leben ist kein Platz, Wagensiedlungen wie die Stadttauben müssen immer wieder umziehen – in eher unattraktive Randgebiete an Baustellen oder Autobahnen. Auch in einem selbstbestimmten und freien Leben ist der Raum nicht frei von Regeln. Auch in der Basisdemokratie muss um Abmachungen gerungen werden und jede autonome WG streitet am Ende um den Abwasch. In den freien Kommunen der 1968er gab es zu Beginn keine Türen, bald aber wurden sie wieder eingehängt. Zu gross war der Wunsch, sich von den anderen abgrenzen zu können.

«Freiheit kann es nur mit Regeln geben.»

Jean-Jacques Rousseau

Trotzdem: es lohnt sich immer Regeln zu hinterfragen und manchmal zu brechen, um sich Freiräume zu erkämpfen. Am Ende ist der freie Raum jedoch eine Illusion. Rousseau sagt: Freiheit kann es nur mit Regeln geben. Selbst in der Natur sind wir Regeln unterworfen, wo zwar kein Staat herrscht, aber die Elemente unmissverständlich Macht über uns ausüben. Wer sie missachtet, erlebt die Folgen am eigenen Leib. Wirklich frei sein kann jede und jeder nur in sich selbst.