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Ärztemangel wegen Überstunden?

Nachdem viele Hausärztinnen und Hausärzte sich schwer tun, eine Nachfolge zu finden, werden jetzt schon ganze Spitalabteilungen mit der Begründung Ärztemangel geschlossen. Die Folgen einer kurzfristigen Politik?

Um die Geburtshilfe in Riggisberg weiterbetreiben zu können, fehlen die Fachärzte. So begründet Joseph Rohrer, Verwaltungsratspräsident Spital Netz Bern und Inselspital, gegenüber «Der Bund» dass die Schliessung der Geburtshilfe per Ende Juli unumstösslich ist. Offenbar liess sich keiner der 231 Ärzte mit Facharzttitel Anästhesiologie im Kanton Bern (Zahlen 2012, Quelle: Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte FMH) und auch keiner der 166 Ärzte mit Facharzttitel Gynäkologie und Geburtshilfe dazu bewegen, in Riggisberg zu arbeiten.

Doch warum wollen Fachärzte sich nicht in einem kleinen Landspital anstellen lassen? Für Nico van der Heiden, Leiter Kommunikation des Verbandes Schweizerischer Assistenz- und Oberärztinnen und -ärzte (VSAO), ist der akute Ärztemangel ein wesentlicher Grund. Aktuell kommen laut VSAO 40 Prozent der Assistenzärztinnen und Ärzte aus dem Ausland. Ohne diesen «Import» wäre das Gesundheitssystem grundsätzlich nicht mehr aufrecht zu erhalten. In der Schweiz wird offensichtlich zu wenig Ärztenachwuchs ausgebildet. Neben dem eigentlichen Mangel gibt es noch andere Gründe. Mangelnde Effizienz verschärfe den Mangel zusätzlich, so van der Heiden. Abhilfe schaffen könnte man aus Sicht des VSAO unter anderem auch dadurch, dass die Ärzte von Administrativaufgaben entlastet werden. Ein Arzt erledige viel Bürokratie, die beispielsweise ein Anwalt niemals selber erledige, erklärt van der Heiden.

«Es kommt natürlich auch darauf an, wie viel Mühe man sich beim Suchen gibt»

Rosmarie Glauser, Politische Sekretärin VSAO

In kleinen Landspitälern kommt ein weiteres Problem dazu. Wenn sich die Arbeit auf wenige Fachärzte aufteilt, dann wird die Präsenzzeit automatisch grösser. «Hier ist die Gefahr gross, dass sie als Assistent am Abend länger bleiben müssen», erklärt van der Heiden. Für einen Facharzt ist das wenig attraktiv. Kleine Gynäkologie-Abteilungen während 24 Stunden aufrecht zu erhalten sorge für grössere Arbeitsbelastungen, ergänzt Rosmarie Glauser, Politische Sekretärin VSAO. Wissenschaftliche Untersuchungen dazu fehlten aber.

«Es kommt natürlich auch darauf an, wie viel Mühe man sich beim Suchen gibt», so Rosmarie Glauser. Aber grundsätzlich sei die Suche sehr schwer und zeige den akuten Ärztemangel, der in der Schweiz herrsche. Dies ist für die Ärztevertreterin die Folge einer kurzfristigen Politik. Dass Politiker im Falle von Riggisberg auf der einen Seite im Grossen Rat für mehr Markt im Gesundheitswesen eintreten und auf der anderen Seite für die Rettung der Geburtenabteilung, ist für sie ein grosser Widerspruch und ein Zeichen für das kurzfristige Denken in der Politik.

Klar ist, dass der Aufwand für den Betrieb an 365 Tagen gross ist und dass dies entsprechende Kosten mit sich bringt, wie auch Christiane Roth, Generalsekretärin von gynécologie suisse SGGG, bestätigt. Dies um die notwendige Sicherheit bei Geburten zu gewähren. Denn auch wenn eine Schwangerschaft ohne Komplikationen verläuft, garantiert dies noch keine komplikationslose Geburt. Auf der anderen Seite wünschen sich legen Frauen oft grösseren Wert auf eine gute Umgebung in der Nähe der Familie und denken oft nicht primär an möglichst grosse Sicherheit. «Das ist für die Spitäler eine Gratwanderung», erklärt Christiane Roth. Sie müssen letztlich entscheiden, ob sie Geburten verantworten können oder nicht.

Laut Christiane Roth lässt sich nur schwer abschätzen, ob und wie viele Gynäkologen in der Schweiz fehlen. Zwar gibt es offene und unbesetzte Stellen. Andererseits ist die Versorgung innerhalb der Schweiz sehr unterschiedlich. Den Grund dafür sieht die Generalsekretärin SGGG im föderalistischen System in der Schweiz. In der Aus- und Weiterbildung wird Anzahl und Verteilung der Gynäkologen nicht gesteuert, wie das beispielsweise in Kanada geschieht.

Wo sich Fachärzte lieber anstellen lassen und wie sich das Konkret auswirken kann, hat die Schweizerische Gesellschaft für Anästhesiologie und Reanimation 2010 in einer Studie untersucht. «Gerade kleinere Spitäler können sich wegen der geringen Auslastung während der Dienstzeiten keine 24-Stunden-Präsenz der Anästhesiefachärzte leisten», heisst es in dieser Studie klar. Die Spitäler an der Peripherie lösen das in mehr als der Hälfte der Fälle mit Bereitschaftsdienst.

«Erstaunlich ist aber, dass zunehmend auch die grossen Kliniken unter dem ausgetrockneten Markt an Fachärzten leiden»

Schweizerische Gesellschaft für Anästhesiologie und Reanimation

80 Prozent aller Geburten in der Deutschschweiz finden in Spitälern statt, in denen ständig ein Anästhesist präsent ist. Nur 8 Prozent der Geburten finden in Spitälern statt, in welchen die Anästhesiefachärzte einen Bereitschaftsdienst leisten. Die Studie erklärt, dass rund 80 Prozent der Landspitäler Mühe haben, Fachärzte zu rekrutieren. «Erstaunlich ist aber, dass zunehmend auch die grossen Kliniken unter dem ausgetrockneten Markt an Fachärzten leiden», schreiben die Verfasser der Studie.

Diesen Befund bestätigt auch Rosmarie Glauser. Neu ist für Sie, dass Spitäler die Schliessung einer Abteilung ganz offen mit Ärztemangel begründen. Das habe man bisher zu vermeiden versucht, um die Patienten nicht abzuschrecken. Verständlich, denn ist das Vertrauen der Patienten in ein kleines Spital erst einmal verloren, dann ist der Betrieb langfristig nicht aufrecht zu erhalten.