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AUAWIRLEBEN: Zwischen Schnaps und Masochismus

Ab heute dürfen sich Berner Theaterinteressierte und Experimentierfreudige zwölf Tage lang am «AUAWIRLEBEN» in ein «komfortables Wechselbad der Emotionen» begeben, um dabei seine eigene Komfortzone auszuloten, zu verlassen, mit Wodka zu begiessen. Ein Interview mit den Co-Direktorinnen des Berner Theaterfestivals Beatrix Bühler und Nicolette Kretz, sowie mit dem metaFestival-Leiter Pekko Koskinen und einem Rosmarinstrauch.

  • Das AUA-Team: Rabea Grand, Nicolette Kretz, Beatrix Bühler und Andrea Huber (v.l.n.r.). (Foto: Maja Hornik)

AUA fordert intensive Auseinandersetzung, und das in vielerlei Hinsicht: mit Theater, mit dem Leben. Wie viel AUA braucht Bern und warum?

Beatrix Bühler:

Braucht würde ich nicht sagen. Ich würde eher meinen, zum Glück können wir uns AUA in Bern erlauben. Wenn man beobachtet, was für Kürzungen und Sparmassnahmen momentan im Kulturbereich statt finden, dann ist das ja keine Selbstverständlichkeit, dass AUA ermöglicht wird.

Die Subventionen fliessen also weiterhin?

B.B.:

Wir sind zwar das am wenigsten dotierte Theater-Festival...

Nicolette Kretz:

...in der Schweiz.

B.B.:

Aber wir schaffen es von Jahr zu Jahr immer ein klein bisschen mehr drauf zu legen. Wir können also nicht klagen.

Die drei Leitzutaten des diesjährigen AUA sind Thematik und damit auch Programm: es geht um Arbeit, Kohle und Liebe – «Comfort Zone» ist der Code. Ist AUA pro oder contra «Comfort Zone»?

B.B.:

Pro oder contra kann man gar nicht so sagen. Die Frage, ob unsere Lebensweise nur möglich ist auf Kosten anderer, ist ja nicht neu. Wenn man den Begriff der «Comfort Zone» nimmt, wird schnell deutlich – schon die DDR war ja eine Zone – das ist immer ein Akt, der etwas anderes ausschliesst, etwas verunmöglicht. Unser Lebensstil ist luxuriös und geht auf Kosten von anderen durch ganz schlimme Unterlassungssünden. Ich würde sogar soweit gehen und sagen, es ist ein illegaler Lebensstil.

Welche Wendung muss der illegale Lebensstil nehmen? Im Editorial etwa fordern Sie das Ende der Apartheid von Arbeit, Kohle und Liebe.

B.B:

Ich gebe da ein konkretes Beispiel. Nehmen wir das Stück «Freetown». Das sind drei Frauen aus der besser verdienenden Schicht, die das ganze Jahr über nur am arbeiten sind. Vielleicht finden sie auch etwas Befriedigung in ihrer Arbeit, aber überwiegend ist es ein Krampf. Dann kommt – apart, also streng getrennt davon – der Bereich der Liebe: Sex, Zuneigung, Intimität. Sie fahren also in ein Land, in dem sie hoffen auf Gegenliebe zu stossen. Es wird gearbeitet, dann gibt's Geld, dann gibt's Urlaub, am Schluss kommt dann im besten Falle Liebe. Was fehlt, ist die Leidenschaft, die dazuführen würde, dass die einzelnen Lebensbereiche ineinander greifen. Das AUA-Logo verdeutlicht das ja, indem es die Bereiche sich überschneiden lässt. Wir, in unserem privilegierten Beruf alsKulturschaffende in der Schweiz, haben eine «Comfort Zone». Wir verdienen zwar nicht Unmengen Geld...

N.K.:

...aber genug.

B.B.:

Machen dafür aber unseren Job mit Liebe.

Arbeit, Kohle und Liebe haben und machen – und das mit Leidenschaft? Wäre das nicht zu viel Luxus? Immerhin propagiert Herr M. in «Das Bekenntnis eines Masochisten» die absolute Enthaltung, den Marathon der Selbstausbeutung.

B.B.:

Bild: Murielle Bender

Das Bekenntnis eines Masochisten.

Der Masochist ist ja sozusagen eine sarkastische Brechung des typischen aufgezwungenen Arbeitsverhaltens unserer Zeit. Man ist ja nur glücklich, wenn man etwas freiwillig, aus eigenem Antrieb tut. Deswegen kommt hier die Figur des Masochisten zum Zug, der sich zum Vorreiter der Selbstausbeutung macht.

N.K.:

Die Balance liegt ja nicht darin dieses Verhältnis der drei Zutaten eins zu eins zu eins zusammenbringen zu können. Der kleine Bereich in der Mitte des Logos ist die Idealvorstellung, aber die sieht für jeden anders aus.

B.B.:

Es ist ja nicht nur eine individuelle Angelegenheit, sondern vor allem auch eine gesellschaftspolitische: Das permanente Wachstumsdiktat. In Buenos Aires bin ich in mehreren Fabriken gelandet, die komplett ohne Hierarchien funktionieren: gleiche Löhne, Selbstverwaltung, sinnvoll diskutierte Arbeitsverwaltung. Aber – sie betreiben kein Wachstum. Dieser Zwang zum Expandieren, der führt zum auseinander krachen aller Bereiche.

Das AUA-Programm serviert Geburtstag, Totengedenken, Erwachsenwerden, Lebensläufe, ihre Lücken und das was man hinein interpretieren kann, Heimat und andere Wirklichkeiten. Wie passt das alles zusammen unter der Schirmherrschaft des Codes?

B.B:

Es ist eine Art Zentrifugalkraft. Die Problematik der «Comfort Zone» reicht bis in jeden kleinsten Lebensbereich und in alle Ebenen hinein. Alle Produktionen spiegeln diese konfliktgeladene Aufteilung von Arbeit, Kohle und Liebe wider.

N.K:

Da kann man wieder an die Frage zum Pro und Contra ansetzen. Es geht eben gar nicht um ein Pro-«Comfort Zone» oder um ein Dagegen. Wir wollen nicht sagen, der eigene Komfort ist gut oder böse, sondern wir wollen seine verschiedenen Facetten aufzeigen und den Zuschauer damit anregen, ihn zu hinterfragen. Das AUA lebt von diesen schillernden Begriffen, die weniger wegweisend als vielmehr hinterfragend wirken sollen.

B.B.:

Wir wollen Selbstverantwortung wecken. Es soll inspirieren, provozieren, herausfordern dazu, sich der Welt und ihren Problemen zu stellen.

Ist das die Botschaft?

B.B.:

Es ist die AUA-Lebenshaltung.

Ich habe im Rahmen des letztjährigen AUAs mit einer Freundin das Stück «Weg zum Glück» geschaut. Ich lachte mich kaputt, sie weinte. Inwieweit ist der Konsens des Verstehens wichtig? Kann man einen solchen überhaupt generieren?

B.B.:

Das ist ja ein wunderbares Beispiel, weil ja genau diese beiden Seiten in dieser Inszenierung stecken. Je nach Befindlichkeit, reagiert man extrem widersprüchlich. Unsere Lebenspraxen haben ja etwas kurioses, das man lachen muss, wenn man das auf der Bühne gespiegelt sieht, und im selben Moment hat es aber auch etwas Erbärmliches. Ausgewogen ist das und sind wir bestimmt nie.

Was kann man tun, damit diese Fragen, die während dem AUA aufgeworfen werden, im Alltag nicht verloren gehen?

B.B.:

Ob der Kick wirklich nachwirkt, vielleicht – wie bei Fischli und Weiss – eine kleine Lawine der Fortsetzung wird, die Leute sogar selbst anfangen etwas daraus entstehen zu lassen, zu produzieren? AUA soll definitiv Lust dazu machen. Man soll unbändige Lust bekommen!

Es geht um Nachhaltigkeit. Und um Verantwortung?

B.B.:

Genau das. Es geht darum, nachhaltige Verantwortung zu provozieren.

Was macht denn dann eigentlich der Schnaps im Programm, und das gleich zwei mal?

N.K.:

Der verbessert die Welt (lacht).

Foto: Silvano Magnone

7 Promises.

B.B.:

Man soll sich ja nicht kasteien und sich alles verkneifen. Schnaps trinken ist ja hier eine Bekräftigung eines Versprechens.

Sie sprechen von «7 Promises», in dem die Performer den Zuschauer dazu auffordern, eine gute Tat zu geloben und diese mit einem Glas Wodka zu begiessen.

B.B.:

Es ist eine irre Prediger-Show mit ernstzunehmendem Background. Die Aufforderung ist ja, dass man sich jetzt, hier, an diesem Abend und nicht erst morgen oder irgendwann einmal zu etwas verpflichtet. Man unterschreibt sein Gelöbnis. Und ich glaube, einen Schnaps darauf zu trinken, das hat eine gute Wirkung.

N.K.:

Es geht auch um das Feiern des Versprechens. Man darf doch feiern, dass man die Welt verändern will, und zwar weil es Spass macht die Welt zu verändern.

Das Feiern eines Gelöbnisses als Nachhaltigkeitsmassnahme?

N.K.:

Genau.

B.B.:

Man spricht ja nicht umsonst davon, etwas zu begiessen, auf etwas anstossen. In diesem Brauch steckt doch pures Lustempfinden und Lust ist das A und O für Nachhaltigkeit.

In «Moonshine» hingegen ist es Widerstand, eine illegale Tradition.

N.K.:

Es ist die Auflehnung des Individuums, in dem man gemeinsam gegen etwas handelt.

B.B.:

Foto: Serde

Moonshine.

Im Akt des Schwarzbrennens während der sowjetischen Besetzung in Lettland kam man zusammen, es wurden Geschichten erzählt. Man tat gemeinsam etwas Verbotenes und unterhielt sich dabei. In der Performance wird das aufgenommen. Man lernt andere Leute kennen. Zudem ist man unabhängiger Selbstversorger, weil man den Schnaps nicht im Supermarkt kauft. Man nimmt sich Zeit dafür und dann bekommt das, was man da dann produziert, auch einen ganz eigenen Wert. Es schmeckt übrigens auch sehr gut, ich kann es nur empfehlen.

AUAWIRLEBEN 2013 ist also Nachhaltigkeit, Verantwortung, Gemeinsamkeit, Widerstand...

B.B.:

Und Wut, die darf man nicht vergessen. Es ist auch die eigene Empörung über diesen apathischen Zustand, die während dem AUA entstehen darf.

Kann denn Theater tatsächlich zur Verantwortung mahnen?

B.B.:

Es kann dazu anstiften! Theater ist wie ein lustvoller Virus. Denn mit Strafregistern geht nix.

Das AUA steht für das Ausloten von Grenzen. Der Besucher trifft auf Theater, auf Performances, auf Film und Vortrag, auf Interaktion. Sollen die Berner Zuschauer dazu verlockt werden, eigene Grenzen mal zu durchbrechen?

B.B.:

Sie sind keine Mitspieltheater-Freunde, die Berner. Aber wir machen auch kein Mitspieltheater in dem Sinne, dass wir den Zuschauer auf die Bühne zwingen. Durch die Anordnung oder durch Spielregeln in den Performances bekommt das Mitwirken eine gewisse Selbstverständlichkeit.
N.K.: Am AUA haben die Zuschauer das Gefühl, dass sie die Performance vorantreiben müssen und das macht eine einzigartige Dynamik aus. Der Zuschauer muss merken, dass auch er eine Rolle spielt. Das AUA schert gern über Grenzen hinaus und die Berner übrigens auch. Denn wir haben dieses Jahr schon Festivalpässe verkauft, noch bevor das Programm publiziert war. Die Berner haben ein gewisses Grundvertrauen ins AUA.

Dieses Jahr wird die Tradition am AUA gebrochen bzw. erweitert, und zwar mit dem metaFestival – ein Festival im Festival.

N.K.:

Der Macher Pekko Koskinen spricht von einem Black Matter des Festivals.Die Metaisten und Metaistinnen gehen mit verschiedenen Tools an die Besucher heran, mit denen sie gemeinsam herausfinden, hinterfragen können, was das Festival abseits der Vorstellungen und vor allem innerhalb des eigenen Alltags ist. Was passiert da mit einem? Was kann man damit machen?

Ist das der Versuch, eine Art Zugang zu stiften, der es dem Zuschauer leichter macht, an das AUA anzuknöpfen?

B.B.:

Es hat bisher einfach gefehlt. Die Zwischenräume sind immer da gewesen, wurden aber nicht genutzt. Dieses Jahr sollen sie mitspielen. Und auch wir werden dadurch mit mehr Reaktion konfrontiert sein. Es ist nicht ein erleichtern des Zugangs, sondern vielmehr ein Erkenntnisgewinn für den Zuschauer und für uns, und zwar über das Dazwischen zwischen Kunst und Publikum und zwischen Alltag und Kunst.

N.K.:

Es ist eine Art gemeinsame Recherche. Wir sind natürlich auch sehr neugierig, wie das Publikum darauf reagiert, wenn sie sich bewusst werden, was Festival eigentlich alles ist. Oder wir lassen doch einfach Pekko Koskinen sprechen.

Pekko Koskinen:

Also ich gebe dir mal ein Werkzeuge zur Hand, und zwar den Filter. Nehmen wir also diesen Rosmarinstrauch in den Fokus unserer Betrachtung. Legen wir einen Filter der Bewegung über die Betrachtung, nehmen wir plötzlich die leichten Bewegungen der Zweige im Wind viel deutlicher wahr. Legen wir einen Farb-Filter über die Betrachtung, setzen wir den Fokus automatisch auf die verschiedenen Grünnuancen des Strauches. Legen wir, etwas unkonventionell, den Filter der Religion über die Betrachtung, steht der Strauch vielleicht plötzlich in dem Kontext der Überzeugung, dass man mehr Leben in Form von Pflanzen in die Stadt bringen will. Er fungiert plötzlich als ein religiöses Symbol für Leben. Wir brechen einen Fokus, in dem wir einen anderen darauf anwenden.

Ist das eines der Werkzeuge aus der metaFestival-Palette?

P.K.:

Eines von vielen. Der Punkt am metaFestival wird sein, im richtigen Moment die Konventionalität zu durchbrechen, um im nächsten Schritt wieder das Unkonventionelle zum Konventionellen zu machen. Es werden viele kleine Aktionen und Momente sein, die sich zwischen der Performance und dem Alltag bewegen und damit den Zwischenräumen des Festivals ein Gesicht geben.

B.B.:

Pekko Koskinen hat damit die Funktion des gesamten AUA-Festivals auf den Punkt gebracht, nämlich einer Thematik durch verschiedene Filter hindurch begegnen zu können.

Blicken wir kurz zurück. AUA wird 31. Sind die Fragen von Heute anders, als diejenigen von gestern?

B.B.:

Wir stellen jedes Jahr bei der Formulierung des Codes fest, dass es nie etwas radikal anderes ist, das in Frage gestellt werden soll. Es ist jedes Jahr nur ein neuer Filter auf eine Wirklichkeit, die sich sehr repetitiv verhält. Oder genauer, sie wiederholt sich nicht, sie verschärft sich. Insofern ist das, was wir machen, eigentlich ein Prisma zu schaffen für dieses Schleppend-Vorangehende. Was sich aber natürlich sehr verändert hat, ist die Entwicklung der Theaterformen. Und da geht AUA begleitend vor, ohne aber trendy zu sein. Wir nehmen nur solche Produktionen ins Programm, die die nötige Kraft haben, unsere gesellschaftliche Realität zu spiegeln. Und das geht tatsächlich nur dann, wenn man der Zeit etwas voraus ist.

Und die Fragen von Morgen... bleiben die gleichen?

B.B.:

Ich hoffe doch, dass nicht. Ohne diese widerständige Hoffnung gäbe es keine Kunst.

Die Fragen von Morgen haben im AUA aber schon heute Platz?

B.B.:

Das ist keine Frage!