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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Sich laut und brachial Gehör verschaffen

Keine sechs Prozent aller Instrumentalisten im Studienbereich Jazz an der Hochschule der Künste Bern sind weiblich. Deshalb macht es Sinn, Mädchen und Jungen ihre eigene Geschichte in geschlechtergetrennten Gruppen vertonen zu lassen.

  • Mädchen sollen nicht nur die freie Wahl haben, sondern aktiv an verschiedene Instrumente hingeführt werden, sagt Valérie Portmann, Leiterin des Studienbereichs Jazz der HKB. (Bilder: Jessica Allemann)
  • Wandbemalung im Schulhaus Bodenacker in Münchenbuchsee: Mädchen posieren...
  • ...und die Jungs rocken die Bühne.
  • «Wie klingt es, wenn eine Schrotflinte geladen wird?», die Vertonung der eigenen Geschichte ist kein einfaches Unterfangen.
  • Mit einem eigens entwickelten Notationssystem wird die eigene Musik aufgeschrieben.
  • Das Schwierigste am «Kino im Kopf» war es, die gedachten Klänge auf Instrumenten herzustellen.
  • Auf der Suche nach dem passenden Ton.

Eine Frau erwacht in ihrem Haus. Man hört ihren ruhigen Herzschlag und ihren Atem. In Socken streift sie durch die Zimmer, zieht sich an, schlüpft in Stöckelschuhe und macht sich auf den Weg zur Arbeit. An einem anderen Ort, womöglich zur gleichen Zeit, schleicht sich eine Gruppe Männer an ihre Feinde heran. Eine wilde Verfolgungsjagd beginnt. Mit Schrotflinten und Schlagstöcken werden die Gegner gehetzt und verletzt.

Das sind die Geschichten, die hinter zwei Musikkompositionen stecken. Zum Thema «Kino im Kopf» entwickelten die Schülerinnen und Schüler einer 5. Klasse aus Münchenbuchsee ihre eigene Musik – Mädchen und Jungen jeweils unter sich. In getrennten Gruppen dachten sie sich eine Geschichte aus und vertonten diese. Das Schwierigste sei gewesen, die Klänge im Kopf auf Instrumente zu übertragen, finden alle Schülerinnen und Schüler. «Wenn es gelingt, ist man dafür überglücklich», sagt ein Junge, «und man kann stolz darauf sein, seine eigene Musik entwickelt zu haben», ergänzt ein Mädchen.

Jazz stammt aus frauenfremder Umgebung

Projekte, welche Mädchen ermutigen, ihre eigene Stimme zu suchen und diese nachher auch zu gebrauchen, seien ein Schritt in die richtige Richtung, findet Valérie Portmann, Leiterin des Studienbereichs Jazz an der HKB.

«Um ein aus dieser männlichen Umgebung gewachsenes Bild zu brechen, braucht es länger als nur ein paar Jahrzehnte.»

Valérie Portmann, Leiterin des Studienbereichs Jazz an der HKB

Ein Schritt in Richtung Gleichberechtigung – auf der Bühne und in der Gesellschaft. Im Rock, Pop und gerade auch im Jazz sind Frauen nach wie vor untervertreten. Keine sechs Prozent aller Instrumentalstudierenden im Studienbereich Jazz an der Hochschule der Künste Bern sind weiblich. Eine davon ist Laura Schuler. Die Violinistin studiert an der HKB und begleitet das Tönstör-Projekt «Kino im Kopf» als Musikvermittlerin. Als Jazzmusikerin behauptet sie sich immer wieder in einem männlich dominierten Umfeld: «Es braucht Mut, an eine Jam-Session mit lauter unbekannten Musikern zu gehen. Man muss eine nach aussen gerichtete, aggressive Energie mobilisieren.»

Gerade im klassischen Jazz galt es, schneller, höher und lauter zu spielen. Valérie Portmann sieht im kompetitiven Ursprung des Jazz ein wesentlicher, wenn auch nicht einziger, Grund für die Männerdominanz in der Szene. Schnelle, virtuose, sportliche Elemente seien im originären Jazz zentral. Der Jazz komme per se aus einem männlichen Umfeld. Er ist in verrauchten Etablissements entstanden, in denen ging es wild zu und her ging. «Da hatten Frauen nichts verloren», sagt Portmann. «Um ein aus dieser männlichen Umgebung gewachsenes Bild zu brechen, braucht es länger als nur ein paar Jahrzehnte.»

Konservatives Frauenbild brechen

Mädchen- und Frauengruppen können helfen, die eigene Stimme zu finden. «Wenn Frauen unter sich sind, sich in den eigenen Mechanismen und Verhaltensweisen bewegen können, kann sich eine enorme Kraft entwickeln, mit der es dann ausserhalb der eigenen Strukturen weitergehen kann.» 

Mädchen müssen gefördert und gefordert werden, ist Portmann sicher. Dabei sei es wichtig, den Mädchen nicht nur die freie Wahl eines Instruments zu überlassen, sondern sie tatkräftig dazu ermutigen, verschiedenes auszuprobieren und den nötigen Raum einzunehmen. «Mädchen müssen lernen, dass auch sie laut und ungestüm, ja brachial sein dürfen. Diese Eigenschaften stehen Frauen gut. Sie entfalten so eine enorme Energie in ihrer Musik und finden gleichzeitig in der Gesellschaft auch ein anderes Gehör.» Die Musik alleine vermag das vorherrschende konservative Weltbild jedoch nicht verändern, veraltete Frauenbilder müssen auch durch die Gesellschaft aufgebrochen werden. «Solange wir aber bezüglich Kinderbetreuung im tiefsten Mittelalter stecken und es noch kaum Hausmänner gibt, werden klassische Frauenbilder geschürt», ist Portmann überzeugt.

Fortschrittlicher Norden

Im Norden, in Norwegen, Schweden und Dänemark, ist man der faktischen Geschlechtergleichstellung nicht nur näher, auch der Jazz ist «weiblicher».

«Mädchen müssen lernen, dass auch sie laut und ungestüm, ja brachial sein dürfen»

Valérie Portmann, Leiterin des Studienbereichs Jazz an der HKB

«In Norwegen und Dänemark findet man bis zu 40 Prozent Frauen in den Jazzabteilungen der Hochschulen», weiss Portmann. Der Jazz aus dem Norden sei weniger am afrikanischen, traditionellen und damit ursprünglich frauenfremden Jazz orientiert sondern vielmehr im Kontext der zeitgenössischen klassischen Musik anzusiedeln. «Der Rückgriff auf die europäischen Traditionen fällt dort leichter, und die Frauen sind ausserdem frecher, selbstverständlicher und lauter als hier.»

Aber auch hierzulande bricht das puritanische Verständnis von Jazz allmählich auf. Es entwickeln sich neue Hörgewohnheiten, welche neue Sprachformen im Jazz positiv aufnehmen. «Hier finden Frauen Gehör», sagt Portmann. Frauen, die in der Improvisation die eigene Sprache suchen, und deren Klangqualitäten oft von einem feinen Ausdruck und der Auseinandersetzung grautönigen Klängen geprägt ist. «Es dreht sich viel um Stimmungen und Temperaturen, das sind grosse Themen im Leben einer Frau.»

«Dramatisch-brutale Spezialmusik»

Die Hetzjagd wird schneller und brutaler – der Kampf wird bis zum bitteren Ende ausgefochten. Andernorts ist die Frau spät dran. Sie muss sich beeilen. Auf der Abkürzung über eine Baustelle fällt sie und verunfallt schwer. Die Ambulanz wird gerufen. Es beginnt ein Kampf um Leben und Tod.

Die Jungen nennen ihre Musik «heimliche und hetzende Action- und Krimimusik», die Mädchen bezeichnen ihr Stück als «dramatisch-brutale und laute Spezialmusik». Die Geschichten hinter den Klängen mögen unterschiedliche sein, die Energie, das Tempo und die Ausdruckskraft in der Musik sind dieselben.

Sich von der Eindimensionalität der Geschichte lösen und die Vielseitigkeit einer Klangkomposition in den Fokus rücken, das ist die Herausforderung, der sich die Anhängerschaft einer Musikrichtung aber auch eine ganze Gesellschaft stellen kann.

«Totally Flipside» – 8 Projekte auf 1 Haufen

Tönstör hat sich zum Ziel gesetzt, Berner Kindern und Jugendlichen zeitgenössische klassische Musik auf eine lustvolle Art zu vermitteln (siehe auch «So schön scheppert Schrott»). Unter dem Titel «Totally Flipside» entsteht im 2013 ein Gesamtwerk an neuer Musik, an dem sieben Berner Schulklassen beteiligt sind. Von Januar bis Juni 2013 gehen jeden Monat Musikvermittler und Komponistinnen, Musikvermittlerinnen und Komponisten in eine Klasse und erarbeiten improvisatorisch eine eigene Musik. Die vertrauten Klangwelten hinterfragend und untergrabend, begeben sie sich so auf die Suche nach dem musikalisch «anderen», eben der «B-Seite» der Schallplatte, der «Flipside». Journal B begleitet die Suche und beleuchtet monatlich einen anderen Aspekt von Musikvermittlung.

Das Gesamtwerk, eine Mischung aus Konzept, Komposition und Improvisation, kommt im Rahmen des Musikfestivals Bern, das dem Thema «Wahnwitz» gewidmet ist, zur Aufführung.