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Konfrontation mit Kokain

Mit einer Absinth-Bar über das Thema Alkoholismus aufklären, mit dem Puppentheater Drogen und sexuelle Aktivität thematisieren – elektronische Musik und Suchtberatung finden am kommenden Samstag im Dachstock zusammen.

  • Die Aufklärungsarbeiter von «Rave it save» organisieren unter dem Motto «Save the Rave» ein Party-Happening im Dachstock (Bild: zvg).
  • Die Absinth-Bar serviert und inszeniert Alkoholkonsum, ein Puppentheater bespielt die Thematik Drogen und sexuelle Aktivität, neben elektronischer Musik gibt es Schattentanz und Suchtberatung, DJ's und Installationen (Bild: Jak Meyer)
  • An der Party am Samstagabend können Konsumierende im mobilen Labor des Kantonsapothekeramts ihre Substanzen analysieren lassen (Bild: zvg).

Am Samstag feiert das Berner Nightlife-Projekt Rave it Save Jubiläum und wechselt zum ersten Mal in die Veranstalterrolle. Unter dem Motto «Save the Rave» organisieren die Aufklärungsarbeiter ein Party-Happening im Dachstock der Reitschule, welches die Thematik des Drogenkonsums im Nachtleben mit Kultur im Clubkontext kombiniert.

Kein Drogenkonsum ist der beste Konsum, proklamieren Politik und Medien. Und daneben steht die Realität. Es sei ein ambivalenter Umgang mit dem Konsum von Drogen, meint «Rave it Safe»-Mitarbeiter Hannes Hergarten: «Es gibt die Gesetze vom Staat und es gibt die Türpolitik der Clubbetreiber – konsequent wird jedoch beides nicht durchgezogen.» Denn trotz Verboten und Kontrollen gehören Party-Drogen zum Clubleben dazu, nicht nur in Metropolen wie Berlin und London, sondern auch in Bern. Das ist eine der illegalen Seiten des Partykonsums.

«Party-Drogen gehören zum Clubleben dazu, auch in Bern.»

Maja Hornik, freie Autorin

Zudem klagen Anwohner der Aarbergergasse oder des Areals um die Reitschule herum immer wieder über Lärm auf der Strasse und vor allem über Gewalt. Es sind Symptome, die häufig bei übermässigem Alkoholkonsum zu Tage treten. Das ist eine der legalen Seiten des Partykonsums. Sie hätten beide – ob legal oder illegal – ihre Konsequenzen, betont Hergarten und klagt, «es wird ihnen jedoch verschieden begegnet».

«Es gibt kein Richtig und kein Falsch»

Einen alternativen Zugang zum Thema Konsum von legalen und illegalen Substanzen wollen Nightlife-Projekte wie Rave it Safe kreieren. Von Contact Netz, der Stiftung für Jugend-, Eltern und Suchtarbeit, ins Leben gerufen, packt Rave it Safe als eines von wenigen Projekten in der Schweiz die Problematik an einer ihrer vielen Wurzelstränge: direkt im Moment des Geschehens, im Nachtleben und beim Konsumenten – und zwar wertfrei. «Für uns gibt es kein Richtig und kein Falsch, es gibt nur verantwortungsbewussten oder fahrlässigen Umgang mit Drogen», so Hergarten.

 

Das Projekt verfolgt einen offenen Ansatz und begegnet den Konsumierenden auf Augenhöhe. Hergarten erklärt: «Wir decken zwar das Thema Sucht ab, unsere Arbeit aber hat vielmehr den Charakter von Jugendarbeit. Das heisst: offen sein, reden, informieren, diskutieren, reflektieren.» Das erklärte Ziel ist es, ein kritisches Hinterfragen bei den Konsumierenden zu erreichen, damit sich diese ihrer Verantwortung und der Konsequenzen bewusst werden. Durch das Abholen der Konsumentin oder des Konsumenten direkt an einer Party schaffen Hergarten und seine Kollegen unmittelbar ein Bewusstsein, welches direkt in den Kontext eingebettet ist. Das nachhaltige Gespräch kann leichter realisiert werden. Denn im Trubel des Nachtlebens begegnen sich beide Parteien offen.

Vom Kantonsapotheker die Droge analysieren lassen

«Es gibt verantwortungsbe- wussten oder fahrlässigen Umgang mit Drogen.»

Hannes Hergarten, Rave it Save

Und das wollen sich die «Rave it Safe»-Arbeiter kommenden Samstag im Dachstock der Reitschule umso mehr zu Nutze machen. Im Rahmen ihres fünfjährigen Jubiläums betten sie diverse Kulturdisziplinen in den Clubkontext, ohne dabei die Drogenthematik aus den Augen zu lassen. Interdisziplinär soll der Partygänger dem Thema Clubkultur und Drogenkonsum begegnen und damit spielerisch die Lust- und Frustseiten des Nachtlebens erfahren werden. Apéro, Konzerte und DJs treffen eine Nacht lang auf das Aufklärungstheater Joints'n Chips, einen Vortrag von Alex Bücheli vom Zürcher Nightlife-Projekt saferparty und auf ein mobiles Labor des Kantonsapothekeramts, wo Konsumierende Substanzen analysieren lassen können.

«Save the Rave» soll aber auch eine Clubnacht werden mit elektronischer Musik – live und via Plattenteller. Gleichzeitig wird der Clubkontext aufgebrochen. Was macht das Nachtleben mit mir? Ist es Sucht? Oder Flucht? Was bedeutet diese Nacht am nächsten Morgen? Was sind die Konsequenzen? Diese und andere Fragen will Hergarten dem Hörer, der Zuschauerin, dem Tanzenden und der Trinkerin entlocken.

Kokain und Absinth, Puppentheater und Sex

So wird der Besucher und die Besucherin im WC neben der Bar mit der Droge Kokain konfrontiert, eine Absinth-Bar serviert und inszeniert Alkoholkonsum in einem Aufklärungsakt. Ein Puppentheater bespielt die Thematik Drogen und sexuelle Aktivität. Es gibt Schattentanz und Suchtberatung, DJs und Installationen, die den Hype um diesen Nachtberuf und seine Person kritisch beäugen. Das interdisziplinäre Party-Konzept setzt dort an, wo Politik und Gesellschaft oft nicht ausreichend aktiv werden: beim Einzelfall. Hergarten ist sich sicher: «Die grösste Gefahr des Partylebens ist das Sich-Ablenken. Wir wollen das Rollenverhalten, welches jeder Einzelne beim Feiern an den Tag legt, bewusst machen und aufbrechen.»

Zwischen den Fronten bestehen

Es ist das erste Mal, dass Rave it Safe auf die Veranstalter-Seite wechselt. Mit dem interdisziplinären Party-Ansatz am Samstag formt das Aufklärungsprojekt nicht nur eine Plattform für seine Kernthematik, sondern auch für sich als Player im Nachtleben. «Denn unsere Positionierung innerhalb der Konsumthematik ist scheinbar nicht für alle klar. Dies macht sich besonders bei den jungen Partygängern bemerkbar», sagt Hergarten und erläutert, dass zwischen den Fronten einer Dafür-und-dagegen-Mentalität eine wertfreie und offene Haltung nur schwer fassbar sei. Samstagnacht gibt damit nicht nur Anlass für Fragen, es sollen auch Antworten gefunden werden – kollektiv und für den Einzelnen.