Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Zwei, die der Helvetia auf die Finger schauen

Kolumnen sind die Felsen in der Brandung der Informationsflut – insbesondere wenn sie über die Qualität verfügen, die Autoren wie Rudolf Strahm und Peter Bichsel bieten.

Kolumnen sind Tankhalte auf der ununterbrochenen Lesefahrt durch Informationsfetzen, Aktualitäten und all das Kleinfutter, das uns die Medien täglich bieten. In Kolumnen setzen sich Personen ausserhalb des Produktionszwangs von Presse, Radio und Fernsehen – und ihrer stets wachsenden Online-Ausgaben – regelmässig mit einem frei gewählten Thema auseinander, das oft am Rande des Spektrums der allgemeinen Aufmerksamkeit liegt. Eine gute Kolumne überrascht, regt an und ist – höchste Klasse – humorvoll. Auch wenn sie uns hier und heute ein Licht aufstecken will, strahlt eine gute Kolumne über den Tag hinaus. Es muss deshalb kein Widerspruch sein, Kolumnen in Büchern herauszugeben und nachlesbar zu machen.

Zwei solche Kolumnenbücher sind unlängst erschienen, von Peter Bichsel und von Rudolf Strahm. Die beiden sind in vielem verwandt: etwa gleich alt, pragmatische Sozialdemokraten, überzeugte Schweizer. Doch ihre Blicke auf unser Land könnten unterschiedlicher kaum sein. Bichsel entwickelt langsam – fast hört man ihn reden – Geschichten vom Schwinden der Solidarität; von der Entmischung der Gesellschaft; vom Ende der Beizen; vom Rückzug ins Private; vom Verlust dessen, was nicht direkt Nutzen verspricht; vom Vereinsamen; vom Lernen; vom Fragen. Vom stets neuen Probieren berichtet Bichsel aus der Zeit, in der der junge Lehrer dem Schüler die Aussprache des «R» beizubringen versuchte: «Ich übte, wie ich es ihm beibringen könnte; und er übte, wie er es lernen könnte. Wir wussten beide, dass es nicht gelingen wird, und akzeptierten das». Bichsel schaut hin – und das ist für ihn etwas ganz anderes als Beobachten: «Der Beobachter weiss zum Voraus, was er zu sehen hat. Beobachten ist Schauen mit Vorurteil.»

«Der Beobachter weiss zum Voraus, was er zu sehen hat. Beobachten ist Schauen mit Vorurteil.»

Peter Bichsel

Bichsels Kolumnen, die in den Jahren 2008 bis 2012 zuerst in der «Schweizer Illustrierten» erschienen sind, haben nicht Staub angesetzt. Obwohl der Autor Fragen der Zeit aufnimmt, wirken sie zeitlos, denn die Fragen beziehen sich auf das, was uns alle immer neu beschäftigt: Woher komme ich? Woran orientiere ich mich? Was kann ich, was nicht? Wie war es früher? Wie geht es anderen? Wo bin ich zu Hause? Jede Kolumne ist eine Geschichte, jede Geschichte hat einen Schluss, aber kein Ende. Und obwohl die Geschichten oft von bestimmten Personen und konkreten Begebenheiten handeln, bleiben sie allgemein gültig. Darin, in ihrer Menschlichkeit, entsprechen sie einem menschlichen Bedürfnis. Der Schweizer Dichter Carl Spitteler, Manfred Papsts Kolumne in der NZZ am Sonntag erinnert daran, hat dies als «Kunst der Entnennung» bezeichnet: Das Kind «schaut mit der Seele alles, was es sieht, weil nicht gehemmt von der prosaischen Örtlichkeits- und Namenskunde».

Ganz anders Rudolf Strahms Kolumnen, erschienen in «Tagesanzeiger» und «Bund», im Buch ergänzt um weitere teils nicht publizierte Schriften. Der eben zum «Kolumnisten des Jahres» gekürte ehemalige SP-Nationalrat und Preisüberwacher verfolgt, um mit Spitteler zu reden, die Namengebung. Seine Texte, auch sie manchmal Geschichten, aber mit didaktischem Kniff, enden oft sogar damit, dass Widersacher namentlich in den Senkel gestellt werden. Strahm ist ein Kundiger, der uns nennt, was wir sehen. Er erklärt, ordnet ein, unterscheidet richtig und falsch und weiss meist, was zu tun wäre. Seine Kolumnen, geschliffen und anschaulich, münden in Aufrufe, Handlungsanleitungen. Von der Form her erscheinen einige der im Buch versammelten Texte als Essays; inhaltlich sind sie kaum je Versuche oder Probeläufe, sondern zumeist fixe Antworten. Hilfreiche Antworten auf dem rutschigen Boden der Bildungspolitik (vor allem der Berufsbildung), der Wirtschaft, der Bankenregulierung, der sozialen Sicherheit, der Zuwanderung. Strahm benutzt das Werkzeug der Ökonomie, um die Welt zu verstehen und zu verändern, als Handwerker, nicht als Ideologe. Nicht verblendet, erkennt er früh wichtige Entwicklungen; so forderte er als einer der Ersten von den Banken höheres Eigenkapital. Früher beschäftigte Rudolf Strahm sich stark mit ökologischen Fragen und dem Verhältnis zur Dritten Welt. Er war Mitbegründer der Erklärung von Bern und der Arbeitsgruppe Dritte Welt. Seine Erfahrung: Zur Herstellung besserer Verhältnisse braucht es das Engagement der Zivilgesellschaft. Strahm lebt es vor, seinen Leitsternen Gerechtigkeit und Solidarität folgend. Die Waffe des Einzelkämpfers ist das Wort – und zuweilen leider das Spiel auf den Mann, wie wenn er der Kraft seiner Argumente nicht ganz vertraute. Ein einfühlsamer Lebenslauf des Herausgebers und Freunds Peter Hablützel eröffnet das inhaltsschwere Buch.

Ich empfinde die beiden Bücher als komplementär. Hier der nachdenkliche, schauende Erzähler Bichsel, da der wissende, beobachtende Ratgeber Strahm, der Sachverhalte und Verhältnisse benennt, die Bichsel ins Allgemeingültige entnennt. Wir können glücklich sein zwei Autoren zu haben, die uns die Welt erklären und sich in den verworrenen Zeitläuften auf uns einlassen.